Martin McDonagh ist zurück. Nach The Banshees of Inisherin, der neun Nominierungen für den Academy Award (Oscar) erhielt (ohne einen Sieg), drei Golden Globe Awards gewann und vier BAFTA Awards von der British Academy of Film and Television Arts erhielt, hat der Filmemacher endgültig alle Zweifel an seinem Status als eine der prägnantesten Stimmen des zeitgenössischen Kinos ausgeräumt. Sein nächstes Projekt trägt den Titel „Wild Horse Nine“, und schon in der Casting-Phase deutet sich an, dass es sich um etwas ganz Besonderes handeln könnte.
Worum es im Film geht
Die Handlung spielt kurz vor dem Chilean coup d'état of 1973. Zwei CIA-Agenten – Chris (John Malkovich) und Lee (Sam Rockwell) – werden auf Anweisung ihres Vorgesetzten MJ (Steve Buscemi) von Santiago auf die Easter Island entsandt. Inmitten der ikonischen Steinstatuen der Insel, während die Partner versuchen, sich mit ihrer dunklen Vergangenheit und den immer komplizierteren Verstrickungen der Gegenwart auseinanderzusetzen, kommt Chris unerwartet zwei rebellischen Studentinnen näher – und setzt damit ihren gesamten „Rückzug“ in diesem abgelegenen Paradies aufs Spiel.
Das klingt unverkennbar nach Martin McDonagh: ein begrenzter Schauplatz, Figuren, die von ihrer Vergangenheit eingeholt werden, und eine bittere Ironie, die jede Dialogzeile durchzieht. Osterinsel statt Inisherin – doch das Gefühl, keinen Ausweg zu haben, bleibt dasselbe.
Besetzung
McDonagh stellt erneut ein starkes Ensemble zusammen – eine Gruppe von Darstellern, bei der jeder Einzelne bereits für sich genommen ein Qualitätsmerkmal ist.
John Malkovich und Sam Rockwell als die CIA-Agenten Chris und Lee © Searchlight Pictures
John Malkovich und Sam Rockwell bilden ein Duo, das längst überfällig scheint. Rockwell arbeitete bereits bei Seven Psychopaths (7 Psychos) mit McDonagh zusammen, und seine Rolle in Three Billboards Outside Ebbing, Missouri brachte ihm zahlreiche Auszeichnungen ein – eine erneute Zusammenarbeit war also nur eine Frage der Zeit. Malkovich als CIA-Agent mit problematischer Vergangenheit ist schon für sich genommen ein reizvoller Ansatz.
Steve Buscemi ersetzt Mark Ruffalo, der ursprünglich für die Rolle des ranghohen Geheimdienstoffiziers vorgesehen war. Sollte man Ruffalos Ausstieg bedauern, dann nur geringfügig – Buscemi wirkt wie eine äußerst passende, vielleicht sogar die bessere Besetzung für die Rolle des Auftraggebers. Es ist dieser vertraute Archetyp eines „Mannes, dem man nie ganz trauen kann“ – nur mit einer anderen Energie.
Zur Besetzung gehören außerdem Tom Waits, eine lebende Verkörperung der amerikanischen Underground-Kultur, in der Rolle von Chris’ Bruder, sowie Parker Posey (Lost in Space – Verschollen zwischen fremden Welten, The White Lotus, Irrational Man) als Marge, Lees Ehefrau. Ergänzt wird das Ensemble durch die chilenische und die argentinische Schauspielerin Mariana Di Girolamo und Ailín Salas, die vor allem durch ihre Arbeiten in lokalen Produktionen bekannt sind.
Warum sich das Warten lohnt
Martin McDonagh ist ein Regisseur, der seine Werke selbst schreibt und inszeniert – und es dabei versteht, schwarzen Humor mit Momenten zu verbinden, die dem Zuschauer buchstäblich den Boden unter den Füßen wegziehen. Brügge sehen… und sterben? (In Bruges) reflektiert über Erlösung, das Jenseits und Ehre und verknüpft diese Themen mit bissigem irischem Humor sowie der gotischen Ästhetik der Stadt. Im Gegensatz zur intimen Dimension von In Bruges widmet sich Three Billboards Outside Ebbing, Missouri Trauer und Wut und verlagert den Fokus von persönlicher Schuld hin zu gesellschaftlichem Konflikt und der Transformation von Zorn. The Banshees of Inisherin erzählt schließlich von einer Freundschaft, die langsam und schmerzhaft zerfällt – wie abgetrennte Finger. Im Zentrum von McDonaghs Filmen stehen stets Menschen, die in Situationen gefangen sind, aus denen es keinen richtigen Ausweg gibt – nur unterschiedlich schlechte.
Steve Buscemi als MJ, ein in Chile stationierter CIA-Hochrangiger © Searchlight Pictures
Was Wild Horse Nine betrifft, so ist bereits jetzt ersichtlich, dass McDonagh seine Schauplätze nicht zufällig wählt: die CIA, eine Insel am Rand der Welt und das Jahr 1973 – ein Zeitraum, der weit mehr ist als bloße Kulisse. In jenem Jahr wurde Chile von einem Militärputsch erschüttert, der die linksgerichtete Regierungskoalition stürzte; Präsident Salvador Allende nahm sich das Leben. Der Umsturz führte zu massiver Repression, Tausende wurden getötet oder „verschwanden“. In der Folge etablierte sich eine harte, 17 Jahre währende Diktatur unter General Augusto Pinochet – ein Kapitel, das bis heute kontrovers in der chilenischen Gesellschaft diskutiert wird. Im kollektiven Gedächtnis überlagern sich das Trauma von Terror und strenger Zensur mit der Anerkennung einer wirtschaftlichen Modernisierung des Landes: Pinochet führte Chile im Kontext des Kalten Krieges zurück in den Einflussbereich der USA, beendete den Versuch eines sozialistischen Systems und setzte ein neoliberales Entwicklungsmodell um – die sogenannte „Schocktherapie“.
Sollte McDonagh das Drehbuch erneut in seinem unverwechselbaren Stil verfasst haben, hat der Film alle Chancen, zu einer der eindrucksvollsten und meistdiskutierten Kinoveröffentlichungen des Jahres 2026 zu werden. Eine visuell starke und inszenatorisch präzise Umsetzung darf man von ihm mit hoher Wahrscheinlichkeit erwarten. Wild Horse Nine soll am 5. November 2026 im Vereinigten Königreich anlaufen, gefolgt von den United States einen Tag später. Ein Starttermin für Deutschland wurde bislang noch nicht bekannt gegeben.
Mariana di Girolamo und Ailín Salas als Studentinnen, mit denen Chris Freundschaft schloss © Searchlight Pictures
Tom Waits als Chris’ Bruder © Searchlight Pictures
Parker Posey als Marge, Lees Frau © Searchlight Pictures

