Die dritte Episode der finalen Staffel von The Boys setzt genau dort an, wo die vorherige aufgehört hat: mit Soldier Boy, der in einem Leichensack wieder zum Leben erwacht, und einem Team, das mehr Fragen als Antworten hat. Die Folge mit dem Titel „Der Weg zur Unsterblichkeit“ (Originaltitel — „Every One of You Sons of Bitches“) erklärt recht schnell das Überleben des ersten Supes: Seine alte Version von Compound V erwies sich als inkompatibel mit dem Virus, was bedeutet, dass das Virus selbst nicht länger die endgültige Lösung ist, auf die alle gehofft hatten. Stattdessen rückt ein neues Ziel in den Mittelpunkt: V1, Frederick Voughts ursprüngliche Formel, die Homelander entweder vernichten oder unaufhaltsam machen könnte – je nachdem, wer sie zuerst in die Hände bekommt.
Dieser Kniff zur Erhöhung der Einsätze funktioniert zunächst durchaus: Die Episode gewinnt an Spannung, während beide Seiten gleichzeitig nach der ursprünglichen V-Substanz suchen – dem Vermächtnis der ersten Generation von Vought-Superhelden –, die nun als neuer MacGuffin fungiert. Also jenes narrative Element, meist ein Objekt, das die Handlung vorantreibt und die Figuren motiviert, obwohl es theoretisch durch etwas anderes ersetzt werden könnte, ohne die Bedeutung der Geschichte zu verändern. Zuerst gab es Compound V, dann Temp V, danach Soldier Boy als Waffe gegen Homelander, anschließend das Virus, das als ultimative Bedrohung für die Supes aufgebaut wurde. Doch bereits in Episode drei wird dieses Konzept zugunsten eines neuen Handlungsmotors praktisch beiseitegeschoben: der ursprünglichen V1-Formel. Genau um sie kreist nun die gesamte Handlung. Das eigentliche Problem liegt dabei weniger im Konzept selbst als darin, wie schnell das Drehbuch die zuvor aufgebauten Einsätze entwertet. Dass Soldier Boy die Infektion überlebt, wird mit einem einzigen Satz über die erste Variante von Compound V erklärt – fast so, als würden die Autoren verzweifelt nach einem Weg suchen, den Konflikt nicht zu früh zu beenden. Dadurch entsteht das merkwürdige Gefühl, dass die Serie die Ziellinie immer weiter nach hinten verschiebt, als hätte sie selbst Angst vor einem logischen Abschluss.
Trotzdem fehlt es der Episode nicht an gelungenen Momenten. Homelander verliert in seinem Penthouse langsam den Boden unter den Füßen. Sein psychischer Zerfall nimmt beinahe religiöse Züge an: Halluzinationen mit Madelyn Stillwell, paranoide Reaktionen auf Kamerablitze und ein permanentes Schwanken zwischen Größenwahn und dem Wesen eines traumatisierten Kindes. All das wirkt gleichzeitig absurd und beunruhigend glaubwürdig. Homelander erscheint immer weniger menschlich – nicht wegen seiner Kräfte, sondern wegen des vollständigen Zusammenbruchs seines inneren Fundaments. Die Serie führt ihn dabei durchaus wirkungsvoll an einen Punkt, an dem seine Angst vor Kontrollverlust stärker wird als sein Wunsch nach Dominanz.
Wo die Episode wirklich funktioniert
Die Konfrontation zwischen Homelander und Ryan – Vater und Sohn – ist mit genau der richtigen Mischung aus zurückgehaltenem Schmerz und Grausamkeit inszeniert: keine Sentimentalität, nur die stille Unausweichlichkeit eines Bruchs. Ryans Handlungsstrang verleiht der Episode überhaupt erst ein gewisses emotionales Gewicht. Nachdem Butcher den Jungen praktisch dazu überredet hat, sich zu opfern, um Homelander mit dem Virus zu infizieren, beginnt die Folge nicht nur den Konflikt zwischen Vater und Sohn zu untersuchen, sondern auch die Natur von Gewalt, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Ryan erfährt die Wahrheit über seine Zeugung und versucht, sich Homelander allein entgegenzustellen, doch das Treffen endet in beinahe unvermeidlicher Demütigung. Auch wenn die Szene eher durch dramatische Spannung als durch Action funktioniert, bleibt sie gerade wegen ihres emotionalen Untertons die stärkste des gesamten Episodenverlaufs.
Auch die Dynamik zwischen Soldier Boy und Firecracker, die auf gegenseitigem altmodischem Snobismus und Überheblichkeit basiert, bringt etwas Lebendigkeit und subtilen Humor in die Handlung. Gleichzeitig unterstreicht The Deep, der Black Noir verrät, nur um erneut Homelanders Anerkennung zu erhalten, einmal mehr den Kern seines Charakters: opportunistische Unterwürfigkeit. Diese ehrliche Darstellung seiner Persönlichkeit ist deutlich interessanter als der halbherzige Erlösungsweg, den die Serie ihm in früheren Staffeln aufzwingen wollte. Leider ist es der Figur nach fünf Staffeln immer noch nicht gelungen, sich aus der Rolle des Comic Reliefs zu befreien. Einerseits könnte man argumentieren, dass die Autoren seine Entwicklung nie vollständig ausgeschöpft haben. Andererseits verändert sich nicht jeder Mensch grundlegend zum Guten oder Schlechten. Manche bleiben einfach in ihrer eigenen Denkweise gefangen. The Deep ist letztlich nur ein Opportunist, der in seiner Umgebung überleben, Status bewahren und seinen.
Wo die Risse sichtbar werden
In der dritten Episode werden jene Risse deutlicher sichtbar, die man zuvor noch ignorieren oder übersehen konnte. Vor allem das Virus, dem ein Großteil der vorherigen Episode gewidmet war und das als zentraler Plan aufgebaut wurde, wird praktisch in einer einzigen Szene neutralisiert. Im Vergleich dazu wirken die übrigen Handlungsstränge deutlich schwächer. Besonders betrifft das das Team der Boys selbst, dessen Dynamik erneut in alten Konflikten stecken bleibt. Die Streitereien zwischen Hughie und Butcher fühlen sich längst nicht mehr wie Charakterentwicklung an, sondern eher wie ein Ritual, das die Serie mechanisch jede Staffel wiederholt. Starlight trifft impulsive Entscheidungen lediglich, um zusätzliche Spannungen zwischen den Figuren zu erzeugen. Kimiko, einst eine der bodenständigsten und sympathischsten Figuren der Serie, verhält sich inzwischen so naiv und verantwortungslos, dass es wie reine Drehbuchbequemlichkeit wirkt – eher Rückschritt als Entwicklung. Frenchie wiederum wurde endgültig auf die Rolle eines Lieferanten sexueller Witze reduziert. Irgendwann entsteht tatsächlich der Eindruck, dass die Serie im Finale nicht mehr weiß, was sie mit einigen ihrer Figuren anfangen soll.
Hinzu kommen zunehmende Probleme mit der inneren Logik der Handlung. The Boys hat sich schon immer narrative Vereinfachungen erlaubt, doch hier werden sie selbst für die Maßstäbe der Serie zu zahlreich. Das Team findet und entschlüsselt innerhalb weniger Stunden geheime Vought-Archive, auf die ein milliardenschwerer Konzern angeblich jahrelang keinen Zugriff hatte. Die einzige Person, die versteht, wie das Virus funktioniert, verschwindet nach dessen Zerstörung einfach aus der Handlung. Sameer und Zoe Neuman gehen schlicht davon und werden vermutlich erst dann wieder auftauchen, wenn das Drehbuch sie erneut benötigt. Auch Hughies Konflikt mit Maverick, dem Sohn von Translucent, hätte das Potenzial gehabt, etwas wirklich Schmerzhaftes und moralisch Komplexes zu werden, wird jedoch so schnell und folgenlos beendet, dass der gesamte Handlungsstrang bedeutungslos wirkt.
Immer häufiger greift die Serie zudem zu einer Art „Talk-no-Jutsu“: Ein kurzer Monolog genügt, um die Motivation einer Figur komplett zu verändern. Stan Edgar, Ryan und selbst Nebenfiguren wechseln nach wenigen Sätzen plötzlich ihre emotionale Haltung, als wollten die Autoren keine Zeit mehr in glaubwürdige Entwicklungen investieren. Das ist symptomatisch für die gesamte Episode: Mehrere entscheidende Wendepunkte entstehen allein durch Gespräche.
Wenn die Vulgarität der Serie früher Teil ihrer Satire war, wirkt sie inzwischen zunehmend mechanisch. The Boys war schon immer roh, brutal und bewusst geschmacklos, doch früher steckte dahinter eine klare Idee. Heute macht die Serie mitunter den Eindruck eines Projekts, das seine eigenen Tricks nur deshalb wiederholt, weil sie einst funktioniert haben. Selbst die Actionszenen verlieren an Kreativität: Der Angriff auf Stan Edgars Bunker ist chaotisch inszeniert, mit verwackelter Kamera und kaum origineller Nutzung der Superkräfte. Besonders auffällig ist das im Vergleich zu den frühen Staffeln, in denen selbst die absurdesten Szenen noch eine klare visuelle Identität besaßen.
Fazit
Nach zwei Episoden, die die Handlung selbstbewusst vorangetrieben und das Gefühl eines großen Finales erzeugt haben, beginnt die Serie plötzlich, über ihre eigenen narrativen Konstruktionen zu stolpern. Ironischerweise verwandelt sich gerade jene Serie, die jahrelang Superhelden-Franchises für ihre endlosen Geheimwaffen, Wunderformeln und Bedrohungen aus der Vergangenheit verspottet hat, langsam selbst in genau das, was sie einst parodierte.
Die dritte Episode hält die Staffel zwar weiterhin in Bewegung und dient als erzählerisches Sprungbrett für den finalen Abschnitt. Gleichzeitig ist sie jedoch das erste ernsthafte Warnsignal dafür, dass sich das Ende der Serie zunehmend auf vertraute Mechanismen verlässt – genau dort, wo die Autoren eigentlich Risiken eingehen sollten. The Boys bewegt sich zwar noch vorwärts, doch diese Schritte werden kleiner und vorhersehbarer. Hoffentlich handelt es sich nur um ein kurzes Luftholen vor der Explosion, die noch kommen soll.

