Kritik | The Boys: Staffel 5, Folge 4 (2026) – Homelander gegen Gott

RezensionenYevhenii Rudniev
10. Mai 20268 Minuten
The Boys: Staffel 5, Folge 4 (2026) — Antony Starr

© Amazon Prime Video

Kritiken zu den Episoden der finalen Staffel

Die vierte Episode der fünften Staffel von The Boys mit dem Titel „Grenzenloser Hass“ (Originaltitel — „King of Hell“) beginnt mit einer Szene, die sofort den Ton der gesamten Folge vorgibt: Firecracker besucht Homelander, und kaum nimmt er den Geruch von Soldier Boy an ihr wahr, richtet sich seine Aufmerksamkeit augenblicklich auf ein weitaus wichtigeres Thema – seine eigene Göttlichkeit. „Nicht dem Herrn dienen. Der Herr sein“, sagt er mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre diese Erkenntnis längst überfällig gewesen. Auf dem Gesicht von Valorie Currys Figur spiegelt sich ein ganzes Spektrum an Emotionen wider: von blankem Entsetzen bis hin zur Einsicht, dass jede Diskussion zwecklos ist. Die Schauspielerin transportiert all das ohne ein einziges Wort – und genau das macht die Szene so wirkungsvoll. Besonders treffend ist dabei, dass ausgerechnet Firecracker, eine überzeugte Evangelikale, zur wichtigsten Verkünderin dieses neuen Kults wird. In der finalen Szene der Episode verkündet Oh Father feierlich die Gründung der Demokratischen Kirche Amerikas – mit Homelander als ihrem Propheten.

Fort Harmony, Shining und The Last of Us in kleinerem Maßstab

Auf der Suche nach Spuren von V1 erreichen The Boys Fort Harmony – eine stillgelegte Vought-Anlage. Auf dem Weg dorthin stoßen sie auf zerfetzte Tierkadaver und verwesende Leichen. Nichts an diesem Ort verheißt etwas Gutes, doch sie haben keine Wahl. Die Folge entwickelt sich allerdings schnell weniger zu einer Suchmission als vielmehr zu einer psychologischen Selbstzerstörung der Figuren. Ein Pilz, der alle infiziert und ihre Aggression verstärkt, dient den Autoren als bequemer Mechanismus, um alte Konflikte und aufgestaute Ressentiments an die Oberfläche zu bringen. MM rastet gegenüber Butcher aus, Kimiko versucht buchstäblich Hughie umzubringen, und Hughie selbst verhält sich, als hätte er fünf Staffeln lang einen Nervenzusammenbruch aufgestaut. Obwohl die Idee als emotionaler Katalysator funktioniert, liegt das Problem darin, dass man die meisten dieser Konflikte bereits mehrfach gesehen hat. Die Serie dreht sich erneut um dieselben Spannungen: Butcher manipuliert wieder, MM ist wieder emotional ausgelaugt, Hughie versucht erneut, das Team vom völligen Zusammenbruch abzuhalten. Die Autoren wirken beinahe so, als hätten sie Angst davor, die Dynamik ihrer Figuren tatsächlich zu verändern. Dadurch entsteht zunehmend das Gefühl eines dramatischen Kreislaufs, aus dem die Serie nicht mehr ausbrechen kann.

Die Macher kombinieren hier ganz bewusst Stanley Kubricks The Shining mit Verweisen auf die Videospielreihe The Last of Us, indem sie eine Pilzinfektion einsetzen und die Handlung gleichzeitig auf einem verlassenen Militärstützpunkt aus der Zeit des Kalten Krieges ansiedeln, auf dem einst frühe Experimente an Supes durchgeführt wurden. Rost, dunkle Korridore, verwesende Körper und Pilze, die durch Fleisch wachsen – die Serie erinnert einmal mehr daran, wie effektiv sie grotesken Body Horror inszenieren kann. The Boys war schon immer eine Serie, die Dreck, Blut und groteske Bilder liebt, doch hier erfüllen diese Elemente zusätzlich eine atmosphärische Funktion: Fort Harmony wird zur physischen Verkörperung all dessen, worauf die Welt von Vought aufgebaut wurde – Verfall, verborgen hinter einer patriotischen Fassade.

Der einzige Charakter, der sich als immun gegen den Pilz erweist, ist Frenchie, dessen Resistenz mit jahrelangem exzessivem Drogenkonsum erklärt wird. Er ist auch derjenige, der erkennt, was wirklich vor sich geht. Als Quelle der Infektion entpuppt sich Quinn – ein Supe, der so stark vom Pilz überwuchert ist, dass er kaum noch als Mensch zu erkennen ist, und zugleich Teil derselben V1-Experimente war wie Soldier Boy. Frenchie treibt Soldier Boy gezielt an den Rand des Ausrastens, woraufhin dieser Quinn mit seiner Energiewelle vernichtet. Die Aggression verschwindet sofort, und die Gruppe fährt schweigend zurück – wie Kollegen nach einer Firmenfeier, die völlig eskaliert ist –, während im Hintergrund unsterblich „Mambo No. 5“ läuft. V1 befindet sich nicht mehr in Fort Harmony – oder genauer gesagt: Jemand war bereits dort und hat es mitgenommen. Anhand der zurückgelassenen Hinweise vermuten Butcher und MM, dass es Bombsight war, ein ehemaliger Kamerad von Soldier Boy aus dem ursprünglichen V1-Testteam, der seit Jahren als vermisst galt. Hughie stellt die einzig logische Frage: Warum braucht Bombsight, der bereits V1 im Blut hat, noch eine weitere Dosis? Eine Antwort gibt die Serie bislang nicht – was natürlich bedeutet, dass sich die kommenden Episoden genau darum drehen werden.

Während Boys unter dem Einfluss des Pilzes sowohl das Fort als auch einander zerlegen, klären Homelander und Soldier Boy ihre eigenen Probleme in den angrenzenden Räumen. Irgendwann kommt das Gespräch auf Stormfront und beide geben zu, romantische Beziehungen mit ihr gehabt zu haben. Die ohnehin angespannte Atmosphäre wird dadurch nur noch unangenehmer. Soldier Boy sperrt Homelander schließlich in ein Lager mit angereichertem Uran – für einen normalen Menschen ein sofortiges Todesurteil, für Antony Starrs Figur hingegen eine qualvolle Agonie und völlige Hilflosigkeit. Besonders bezeichnend ist die Szene danach: Butcher entdeckt Homelander in der Falle und lacht ihn einfach aus, während er den Moment sichtlich genießt. Das wird mit Sicherheit noch Konsequenzen haben. Das finale Gespräch zwischen Homelander und Soldier Boy nach Quinns Tod fällt überraschend ruhig aus: Soldier Boy sitzt weinend da und bittet darum, getötet zu werden – Homelander lehnt ab.

Wenn das Drehbuch wichtiger wird als Logik

Das größte Problem der vierten Episode besteht darin, dass sie sich permanent so anfühlt, als wäre sie auf ein bestimmtes Ergebnis hin geschrieben worden – und nicht auf glaubwürdiges Figurenverhalten. Homelander, der Herzschläge aus Kilometern Entfernung hören und durch Wände sehen kann, bemerkt plötzlich nicht einmal das Geschrei von Team der Boys in den Nebenräumen. Kimiko, die Menschen mühelos zerreißen kann, schafft es aus irgendeinem Grund nicht, Hughie und MM innerhalb weniger Sekunden auszuschalten. Butcher erhält die perfekte Gelegenheit, Homelander zu töten, während dieser durch die Strahlung geschwächt ist – nutzt sie jedoch einfach nicht, obwohl genau dieses Ziel seine gesamte Motivation während der gesamten Serie ausmacht.

Dabei handelt es sich längst nicht mehr um kleine Genre-Konventionen, sondern um ein grundlegendes Problem der Serie. The Boys funktioniert zunehmend nach der Logik einzelner Szenen statt nach der eines konsistenten Universums. Es wirkt beinahe so, als wäre jeder Raum in Fort Harmony ein eigenes Videospiel-Level mit separaten Regeln, in dem Figuren nur dann handeln können, wenn das Drehbuch bereit ist, die Handlung voranzutreiben. Besonders deutlich wird das in den Actionszenen: Marvin wird angeschossen, Hughie erleidet schwere Schnittverletzungen, doch wenige Minuten später benehmen sich alle, als wäre nichts passiert. Die Kamera wackelt hektisch, der Schnitt zerreißt die räumliche Orientierung, und die Physik der Superkräfte funktioniert nur dann, wenn es gerade praktisch ist.

Hinzu kommt, dass Teile der Episode offensichtlich als Vorbereitung für Vought Rising dienen, das kommende Prequel-Spin-off zu The Boys. Soldier Boy, die Experimente der 1950er-Jahre, die ersten Supes und die Ursprünge von Vought – all das ist für sich genommen interessant, erzeugt innerhalb der finalen Staffel jedoch ein seltsames Gefühl der Zerstreuung. Statt konsequent auf den Höhepunkt zuzusteuern, wirkt die Serie gelegentlich so, als würde sie ihr eigenes Finale zugunsten zukünftiger Franchise-Projekte aufschieben.

Selbst Annies Handlung rund um ihren Vater funktioniert trotz ihrer emotionalen Grundlage nur bedingt, weil sie zu direkt und unnötig in die Länge gezogen erzählt wird. Ihr jüngerer Bruder, der von Vought-Propaganda vergiftet wurde, der Vater als Polizist, der in ständiger Angst lebt, die Gespräche darüber, dass Liebe der Grund zum Kämpfen sei – all das ergibt auf dem Papier Sinn, wirkt in der Umsetzung jedoch derart formelhaft, dass es lediglich das Tempo der Episode ausbremst. Ironischerweise sind die stärksten Momente dieser Handlung nicht die dramatischen Szenen selbst, sondern kleine Details wie die Dunkin’-Donuts-Päckchen, die an alte Familienrituale erinnern. Genau in solchen Kleinigkeiten lebt die Serie noch.

Übrigens taucht in der Episode erneut The Worm auf – der Vought-Drehbuchautor und offensichtliche Selbstinsert von Showrunner Eric Kripke. Durch ihn gesteht die Serie offen ein, dass es schwierig ist, langjährige Geschichten zu beenden, unmöglich, allen gerecht zu werden, und dass eine finale Staffel ihre ganz eigenen Regeln und Risiken mit sich bringt. Der Meta-Kommentar funktioniert durchaus, beseitigt jedoch nicht das Gefühl, dass die Handlung auf der Stelle tritt: V1 wurde immer noch nicht gefunden, Ryan ist erneut verschwunden, die zentralen Konflikte kommen kaum voran, die internen Spannungen im Team wiederholen sich ständig, und die finale Staffel verhält sich zunehmend wie eine Übergangsbrücke zwischen verschiedenen Franchises statt wie der große Abschluss ihrer eigenen Geschichte.

Fazit

Die vierte Episode hinterlässt einen widersprüchlichen Eindruck. Erzählerisch bietet sie einige wirklich interessante Elemente. Die Folge versucht gleichzeitig klaustrophobischer Horrorfilm, politische Satire über ein unterdrücktes Amerika unter der Kontrolle einer übermenschlichen Figur und Vought, Meta-Kommentar sowie ein weiteres Kapitel in Homelanders psychischem Zerfall zu sein. In manchen Momenten funktioniert das erstaunlich gut. Meistens wirkt jedoch alles so künstlich und mechanisch durchinszeniert, dass die Serie zunehmend an ein Videospiel mit unsichtbaren Wänden erinnert, in dem Figuren nur dann handeln dürfen, wenn das Drehbuch es zulässt. Genau das ist enttäuschend – besonders in einer Staffel, in der die Einsätze eigentlich höher sein müssten als jemals zuvor.

Bewertungen

IMDb

7.6 /10

Trakt

7.4 /10

Cinemapatrol

4 /10

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