Die sechste Episode von The Boys Staffel 5 mit dem Titel „Golden Geisha“ (Originaltitel — „Though the Heavens Fall“) wirkt auf den ersten Blick wie jener Moment, auf den die gesamte Staffel seit Beginn hingearbeitet hat. Die letzte Ampulle V1 landet endlich in Homelanders Händen, während mehrere Handlungsstränge, die sich über die vergangenen Episoden gezogen haben, an einem gemeinsamen Punkt zusammenlaufen.
Die Folge eröffnet in einem Kino mit The Legend, dem ehemaligen Senior Vice President of Hero Management bei Vought, den wir zuletzt in Staffel 3 gesehen haben. Seine Rückkehr erfüllt gleich zwei Funktionen: Zum einen bringt sie eine bekannte Figur kurz vor dem Finale zurück, zum anderen dient sie dazu, den zentralen MacGuffin der Staffel über Bombsight und dessen Verbindung zu Golden Geisha näher zu beleuchten. Dabei wird enthüllt, dass Bombsight die V1-Ampulle all die Jahre für die Frau aufbewahrt hat, die er liebt. Sie lebt mittlerweile in einem Vought-Altersheim für alternde Supes und hatte sich vor langer Zeit bewusst gegen die Unsterblichkeit entschieden.
„Der Sommer ist nur deshalb schön, weil man weiß, dass der Winter kommen wird“, sagt sie zu Kimiko. Dieser Satz charakterisiert nicht nur die Figur, sondern bringt auch das zentrale Thema der Episode auf den Punkt: Was bedeutet Unsterblichkeit wirklich – und ist sie überhaupt ein Geschenk? Genau deshalb funktioniert Bombsights Geschichte deutlich besser als viele Elemente des eigentlichen Hauptkonflikts der Staffel. Seine Entscheidung, V1 an Soldier Boy zu übergeben, um im Gegenzug seine Kräfte zu verlieren und den Rest seines Lebens mit der Frau zu verbringen, die er liebt, besitzt eine unerwartete emotionale Kraft. Für einen kurzen Moment erinnert sich The Boys daran, dass die Serie mehr sein kann als zynische Satire und eine Fabrik für Schockmomente. Sie kann auch eine Geschichte über Menschen sein, die Angst davor haben, einander zu verlieren.
Gleichzeitig liefern die Autoren mehrere ruhige und überraschend menschliche Szenen – etwas, das der Staffel seit ihren ersten Episoden spürbar gefehlt hat. Kimiko gesteht Frenchie, dass sowohl sie als auch Starlight Zweifel daran haben, V1 einzunehmen. Denn Unsterblichkeit bedeutet nicht nur Macht, sondern auch, mit ansehen zu müssen, wie die Menschen, die man liebt, altern und sterben. Natürlich handelt es sich dabei um ein bekanntes Motiv aus Geschichten über ewiges Leben, doch seine Wirkung hat es deshalb noch lange nicht verloren. Vor allem nicht in einer Staffel, die ihre Figuren bislang häufig dieselben Konflikte immer wieder ausdiskutieren ließ. Hughie und Annie liegen einfach auf einem Auto und beobachten die vorbeiziehenden Wolken. Zum ersten Mal seit Langem verbringen sie tatsächlich Zeit miteinander, anstatt über Butchers nächsten Plan zu streiten.
Doch kaum findet die Episode ihre emotionale Balance, verfällt das Drehbuch erneut in eines der größten Probleme dieser Staffel: die ständige Bewegung im Kreis. Der Plan, das Anti-Supe-Virus einzusetzen, bricht praktisch unmittelbar nach der Begegnung von Starlight und Hughie mit Oh Father zusammen. Die Konfrontation selbst funktioniert durchaus – und der Kampf ist, ehrlich gesagt, ziemlich unterhaltsam –, weil sie nicht nur als weitere Action-Sequenz dient, sondern auch an Annies Vergangenheit erinnert und daran, wie weit sie sich inzwischen von jenem religiösen Fanatismus entfernt hat, der einst ihre Identität geprägt hat. Trotzdem landet dieser Handlungsstrang letztlich wieder an derselben Stelle: Die Serie scheint permanent neue Wege zu finden, um ihr Endspiel weiter hinauszuzögern.
Das Virus wirkt längst nicht mehr wie eine echte Lösung, V1 steht kurz davor, in Homelanders Besitz zu gelangen, und Sister Sage erinnert zunehmend an eine Figur, deren Genialität hauptsächlich in Dialogen existiert. Die Autoren erklären ihre Fehlschläge damit, dass sie rationale Prozesse perfekt versteht, menschliche Emotionen jedoch nur schwer einschätzen kann. Für eine Figur mit übermenschlicher Intelligenz wirkt diese Erklärung allerdings bemerkenswert bequem. Immer häufiger entsteht der Eindruck, dass die Serienschöpfer selbst die Grenzen ihrer Fähigkeiten nicht genau definiert haben und Sage deshalb genau dann Fehler machen lassen, wenn die Handlung es verlangt.
Der Handlungsstrang um Soldier Boy, Bombsight und Golden Geisha funktioniert als eigenständige moralische Parabel über die Wahl zwischen Macht und Kontrolle, untergräbt jedoch gleichzeitig seine eigene Logik. Eine Figur, die die gesamte Staffel über als potenzielle Waffe gegen Homelander aufgebaut wurde, liefert ihm V1 am Ende aufgrund einer emotionalen Entscheidung praktisch direkt aus. Selbst wenn man dies als Darstellung menschlicher Widersprüchlichkeit interpretiert, entsteht der Eindruck, dass hier eher narrative Zweckmäßigkeit als glaubwürdige Charakterentwicklung am Werk ist. Zu viele entscheidende Ereignisse fügen sich exakt in dem Moment zusammen, in dem die Geschichte sie benötigt.
Die wohl merkwürdigste Entscheidung der Episode betrifft allerdings Soldier Boy selbst. Nach allem, was er im Verlauf der Staffel über Homelander gesagt hat, und nach zahllosen Andeutungen eines unvermeidlichen Konflikts zwischen Vater und Sohn übergibt er V1 letztlich freiwillig an ihn. Die Idee, dass Clara Vought und ihre Verbindung zu Homelander dabei den Ausschlag geben – eine Wendung, die unweigerlich an den berüchtigten Martha-Moment aus Batman v Superman: Dawn of Justice erinnert –, ist emotional nachvollziehbar, dramaturgisch jedoch nur unzureichend vorbereitet. Das gilt umso mehr, weil die Staffel die Stormfront-Komponente äußerst abrupt ins Spiel bringt. Dadurch wirkt der Höhepunkt weniger wie die natürliche Konsequenz einer Charakterentwicklung als vielmehr wie eine Notwendigkeit des Plots. Die Szene selbst, in der Homelander sich V1 injiziert und zwei gewaltige Säulen seines Hitzeblicks in den Himmel schießen, ist allerdings spektakulär genug inszeniert, um das gewünschte Gefühl völliger Hoffnungslosigkeit zu erzeugen. Die Boys können nur schweigend zusehen – zu sagen haben sie inzwischen ohnehin nichts mehr.
Homelander erreicht in dieser Episode endgültig die Stufe eines allmächtigen Gottes. Paradoxerweise sinkt mit seiner zunehmenden Macht jedoch auch sein Bedrohungspotenzial. Seine Stärke funktioniert nicht länger als wirkungsvolles dramaturgisches Instrument. Selbst der Moment, in dem er V1 erhält, entfaltet keine wirklich katastrophale Wirkung. Stattdessen verstärkt er lediglich das Gefühl einer Unvermeidbarkeit, die die Serie inzwischen schon viel zu lange hinauszögert.
Auch die Nebenhandlungen verdienen Aufmerksamkeit, insbesondere die Dynamik zwischen The Deep und Black Noir sowie die satirischen Seitenhiebe auf Umweltkatastrophen und Konzernpropaganda. Auf Anweisung von Sage und Homelander wirbt The Deep für eine angeblich „fischfreundliche“ Vought-Ölpipeline vor der Küste Alaskas. Kurz darauf explodiert die Anlage und tötet unzählige Meeresbewohner. In einer besonders absurden Szene rennt The Deep am Strand entlang und versucht, einem sterbenden Karpfen namens Jeremy eine Herz-Lungen-Wiederbelebung zu verpassen.
Hinter diesem grotesken Humor verbergen sich Black Noirs Rache und das völlige Unverständnis beider Figuren für die Werte des jeweils anderen. Nachdem The Deep in der vorherigen Episode Regisseur Adam Bourke ermordet hat, folgen die Konsequenzen nun mit voller Wucht. Schließlich findet er Noir in einem Studio und tötet ihn – schnell, brutal und kompromisslos. Für eine Figur, die über mehrere Staffeln hinweg nie eine wirklich prägende eigene Geschichte erhalten hat, ist das ein tragisches Ende. In dieser Hinsicht bleibt The Boys seiner Linie treu: Wer nicht rechtzeitig wichtig genug wird, stirbt häufig, bevor er die Chance dazu bekommt. Der gesamte Handlungsstrang wirkt letztlich wie ein weiteres bekanntes Element aus dem Werkzeugkasten der Serie.
Immer stärker entsteht zudem der Eindruck, dass The Boys zwischen seiner Hauptgeschichte und der Vorbereitung zukünftiger Spin-offs hin- und hergerissen ist. Besonders deutlich wird das durch die ständigen Verweise auf Marie Moreau aus Gen V. Ihre Abwesenheit in der finalen Staffel wirkt inzwischen zunehmend seltsam, wenn man bedenkt, wie massiv das Spin-off ihre Fähigkeiten ausgebaut hat. Marie ist längst mehr als nur eine Variante von Victoria Neuman mit Blutkontrolle. Sie kann lebendes Gewebe auf zellulärer Ebene manipulieren, degenerative Hirnerkrankungen heilen, zerstörte Organe wiederherstellen und schwer verbrannte Körper regenerieren.
Und genau hier offenbart sich eines der größten Probleme des The Boys-Universums. Wenn eine Figur biologische Prozesse in diesem Ausmaß kontrollieren kann, stellt sich zwangsläufig die Frage: Warum lebt Homelander überhaupt noch? Die Serie muss Marie entweder künstlich vom Hauptkonflikt fernhalten oder ihre Fähigkeiten künftig bewusst einschränken. Andernfalls untergräbt allein ihre Existenz die gesamte Spannung rund um die Suche nach einer Waffe gegen Homelander. Kaum etwas verdeutlicht die aktuelle Krise der Franchise besser: The Boys ist mittlerweile so groß geworden, dass das eigene Machtgefüge und die erzählerischen Einsätze darunter zu leiden beginnen.
Trotzdem enthält die Episode eine wirklich herausragende Szene: das Gespräch zwischen Homelander und The Legend. Es funktioniert nicht wegen seines Spektakels oder seiner Gewalt, sondern aufgrund einer Aufrichtigkeit, die sich die Serie nur selten erlaubt. The Legend hat keine Angst vor Homelander. Er gibt nicht den Helden und versucht auch nicht, ihn auszutricksen. Stattdessen blickt er ihn mit Mitleid an und bezeichnet ihn als ein verrücktes Talent. Homelanders Reaktion ist bezeichnend. Er verschont The Legend gerade deshalb, weil er zum ersten Mal seit langer Zeit nicht auf Angst, sondern auf Ehrlichkeit trifft. Vielleicht ist das sogar der stärkste Moment der gesamten Episode – ruhig, schlicht und deutlich wirkungsvoller als die meisten Actionszenen dieser Staffel.
Das Problem besteht allerdings darin, dass die Kämpfe in The Boys schon seit geraumer Zeit kaum noch wirklich einfallsreich wirken. Immer häufiger beschränkt sich die Action darauf, dass Figuren einander durch Räume schleudern, während die Macher fehlende visuelle Kreativität mit Schockeffekten, blutigem Groteskhumor und sexueller Absurdität kompensieren. Die Szene im Altersheim für Supes, in der einer der Bewohner seine erschlafften Genitalien als Waffe einsetzt, bringt den aktuellen Zustand der Serie perfekt auf den Punkt. The Boys möchte sein Publikum noch immer schockieren, doch die Zuschauer haben sich längst an dieses Maß an Wahnsinn gewöhnt. Ironischerweise sind die emotional stärksten Momente der Folge nicht die gewalttätigen, sondern die kurzen menschlichen Begegnungen zwischen ihren Figuren.
Episode 6 ist gleichzeitig die wichtigste Folge der Staffel und die deutlichste Demonstration ihrer Schwächen. Auf dem Papier waren die Einsätze selten höher: Homelander ist stärker denn je, das Virus scheint keine realistische Option mehr zu sein, Soldier Boy bleibt unberechenbar und die Boys haben die Kontrolle über die Situation endgültig verloren. Gleichzeitig wirkt die Serie jedoch zunehmend wie eine Geschichte, die nicht weiß, wie sie auf natürliche Weise zu ihrem Ende gelangen soll. The Boys kann noch immer starke Szenen, bissige Satire und wirkungsvolle emotionale Momente liefern. Doch zwischen diesen Höhepunkten wird die Ermüdung einer Franchise immer sichtbarer, die ihr Universum über Jahre hinweg immer weiter ausgedehnt hat. Nun steckt sie zwischen dem Abschluss ihrer Geschichte und der Bewerbung ihrer Zukunft fest.
Fazit
Das größte Problem der sechsten Episode liegt nicht in einzelnen Story-Entscheidungen, sondern in der grundlegenden Architektur der Staffel. The Boys versucht gleichzeitig Serienfinale und Sprungbrett für die nächste Phase der Franchise zu sein. Dadurch wirkt jede größere Entwicklung weniger wie ein Abschluss als vielmehr wie eine Zwischenstation auf dem Weg zum nächsten Projekt. Und selbst wenn die Einsätze objektiv steigen, stellt sich das Gefühl eines echten Endes nicht ein.

